30. Januar 2026 

Die Debatte über den modernen Antisemitismus in Deutschland hat gezeigt:

Seine Bekämpfung gleicht einer Sisyphos-Aufgabe und erfordert einen langen Atem!

Trotz des Wetterunbills, bestehend aus Kälte, Schneefall und Blankeis auf den Gehwegen, hatten annähernd 30 Personen das Risiko einer Rutschpartie auf sich genommen, um auf der Veranstaltung Antisemitismus – ein Angriff auf uns alle! über Entstehungsbedingungen und Wirkungskraft des modernen Antisemitismus in Deutschland zu diskutieren.
Als Referentin konnte wir die Politikwissenschaftlerin und Mitglied der Berliner VVN-BdA Lisa Leichthammer begrüßen. In ihrem ausführlichen und materialreichen Referat stellte sie die Bedingungen dar, die die ideologische Herausbildung antisemitischer Einstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beförderten. Diese Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche, die die volle Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft mit sich brachte, konfrontierte die Menschen mit unterschiedlichen und widersprüchlichen Erfahrungen, z. B. wurde der gesellschaftlich positiv konnotierte technische Fortschritt gleichzeitig von vielen als gesteigerte Arbeitsbelastung und drohender Arbeitsplatzunsicherheit wahrgenommen. Und in diesem Zusammenhang findet der moderne Antisemitismus seinen Platz.
Im Folgenden soll nicht das Referat und die anschließende Diskussion, sondern lediglich einige zentrale Gesichtspunkte wiedergegeben werden.

Foto eines Plakats mit der Aufschrift: Gemeinsam gegen Antisemitismus und andere Verschwörungsmythen

Anknüpfend an die kritische Theorie der Frankfurter Schule grenzte sich die Referentin von der Auffassung ab, dass die Grundlage antisemitischen Denkens im Wesentlichen eine Verarbeitungserscheinung von Ohnmachtserleben sei, wie sie sich in mangelnden Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe oder Anerkennungsdefiziten beschreiben lasse. Hiermit werde nicht erklärt, dass antisemitische Einstellungen nicht nur in krisenhaften Situationen oder von Krisen betroffenen bzw. sich bedroht fühlenden gesellschaftlichen Gruppen aufträten.
Auch die im linken Spektrum häufig anzutreffende Erklärung, Antisemitismus sei eine manipulative Maßnahme, ein bewusste Ideologieproduktion der herrschenden Klasse zur Ablenkung der unterdrückten Klassen von den wahren Ursachen der gesellschaftlichen Krisen, könne keine ausreichende Erklärung liefern. Die Unterteilung der gesellschaftlichen Widersprüche in den den Kapitalismus bestimmenden Hauptwiderspruch und einer Vielzahl von Nebenwidersprüchen, zu denen auch der Antisemitismus gezählt werde, vernachlässige die Bedeutung von Ideologieproduktion. Antisemitismus werde hier nivelliert zu einer spezifischen Form des Rassismus, der spalterisch wirke und in der Klassensolidarität überwindbar werde. Damit verliere er eine zentrale Eigenschaft, nämlich die Plattform für ein Rebellenverständnis gegen die anonymen Machtverhältnisse moderner Gesellschaften zu sein, das die Anonymität auflöse in agierende konkrete, z. T. personalisierte Mächte. Gleichzeitig werde eine gesellschaftliche Frontstellung aller Betroffenen schwierig bis unmöglich.
Fußend auf Horkheimer und Adorno definierte Lisa Leithammer Antisemitismus als eine der bürgerlichen Gesellschaft innewohnende Ideologieproduktion, der alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft - unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit - ausgesetzt seien, wenn auch in unterschiedlichem Maße:
Die bürgerliche Gesellschaft könne ihr eigenes Versprechen nach Freiheit, Gleichheit und individuellem Glück nicht einlösen. Die kaum durchschaubaren Gesetze kapitalistischer Produktion und Reproduktion sowie ihre Einflüsse auf politische und ökonomische Vorgänge legten es für sich bedroht fühlende Gesellschaftsmitglieder nahe, dass die Ursachen nicht im Wesen einer demokratisch verfassten Gesellschaft lägen, sondern eine von außen kommende Gewalt ihr Spiel treibe. Auf einen kurzen Nenner gebracht könne Antisemitismus als ideologische Feindschaft gegen das abstrakte Prinzip der Herrschaft beschrieben werden, das sich aber in der realen Welt immer erneut in Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgeliefertsein ausdrückt und damit den Prozess auf wachsender Stufenleiter reproduziert.
Die von außen kommende Gewalt werde in Deutschland und in einigen anderen Ländern aus historischen, machtpolitischen und kulturellen Gründen Jüdinnen und Juden zugeschrieben und in verschwörungsideologischer Manier zur existenzbedrohenden Macht definiert.

Eine Foto der laufenden Veranstaltung

Damit sei aber die Voraussetzung gegeben, dass Antisemitismus als ein allumfassend erscheinendes Welterklärungsmodell sämtliche dem völkischen Normbild nicht entsprechende Themen, Verhaltensweisen und Menschengruppen in sich aufnehme und als Gesamtausdruck der Katastrophe, des gesellschaftlichen Untergangs zu einem Feindbild zusammenfassen könne, wie z. B. während des NS mit dem Begriff der „Jüdisch-Bolschewistischen Weltverschwörung” geschehen. Aktuell zeige sich dies in der verschwörungsideologischen Erzählung über den „Kulturmarxismus”, die Antisemitismus, Antiziganismus, Antifeminismus, Antikommunismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit vereint.
Der klassenübergreifende Charakter des Antisemitismus berge jedoch auch einen möglichen positiven Aspekt: Schafft er doch die Grundlage einer breiten Front für demokratische Bewegungen, die Ausgrenzung und damit verbundene Diskriminierungen ablehnen - und das nicht nur aus eine abstrakten demokratischen Wertevorstellung, sondern auch als von rechten Angriffen direkt Betroffene.

Hufeisern gegen Rechts bedankt sich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und vor allem bei Lisa Leithammer für die spannende und immer solidarisch geführte Diskussion.

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